Sonntag, 9. Februar 2014

Sonntagsthema: Glücklich scheitern



Scheitern treibt an. Das setzt voraus, meinen eigenen Anteil daran zu sehen, die tieferen Gründe als nur die falsche Kalkulation eines Großauftrags oder Fehlspekulation an der Börse. Und mich fragen: "Wofür ist dieses Scheitern gut? Was kann ich aus diesem Scheitern machen?" - Die Redakteure des ZEIT MAGAZINs* rieten uns Ende Dezember 2013, Scheitern als existenziell notwendiges Stimulans freudig anzunehmen. Gesellschaften benötigten Scheitern wie eine natürliche Auslese, Flubereinigung, Motorisierung. Institutionen, die gar nicht mehr scheitern könnten, bedrohten das ganze System (vgl. Bankenkrise). Karl Marx, Vincent van Gogh, Kafka und viele viele andere berühmte Namen stellten sich einem lebenslang währenden Scheitern, weil sie ihr eigenes Ziel verfolgten. Und erkannten sich dabei Stück für Stück selbst. Wenn das am Ende des Tages kein Erfolg ist! - Aber hallo!

Aber Scheitern und Versagen sind keine beliebten Themen. 

Pfui-Wörter. Promis dürfen scheitern, wegen Steuerhinterziehung, Drogen, Ehebruch, Plagiaten .. da spielt auch eine Prise Häme mit. Im wirklichen Leben dagegen wollen wir Erfolgreiche sehen. 

Wir ignorieren, dass Leben fortwährendes Scheitern ist, und danach (in der Regel) wieder Aufstehen und Weitermachen. Die Möglichkeiten zu scheitern sind vielfältig und dynamisch steigerungsfähig: Das beginnt, wenn der Morgenbus vor den Augen davon fährt, die Weihnachtsgans verkohlt und die Schwiegermutter feixt, im Büro der Kollege den vermeintlich sicheren Posten wegschnappt, der Großauftrag zusammenbricht, und ist noch lange nicht zu Ende, wenn eine Liebe stirbt, eine Ehe sich auflöst, "Miss oder Mr. Right" lebenslang nie auftaucht, der Kampf gegen die Krankheit verloren scheint, die Existenz wie Sand unter den Füßen zerbröselt, weil Arbeitslosigkeit, Pleite drohen oder geliebte Menschen sterben, wenn Lebensträume platzen.  - Wenn man sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen mag?

Sind Krisen wirklich Chancen? Aus Fehlern lernen? 

Beim Scheitern ist das diffiziler, in einer hochkomplexen Welt, in dem selbst in einer einfachen Existenzfrage alles mit allem zusammenhängt, sind Fehler und deren hintergründiger und unterbewusster Sprengstoff nicht so schnell aufzuspüren. Schuldzuweisungen bringen nicht weiter, sie lassen Gescheiterte eher in einer fast aussichtslosen emotionalen Verstrickung zurück. Ohne dass sie aufarbeiten was warum passierte, was ihr eigener Anteil daran war. Ohne den Schmerz zuzulassen und die Verhältnisse zu betrauern. 

Erwiesen ist offenbar, dass gescheiterte Firmenchefs es in neuen Konstellationen nicht wirklich besser machen (besser im Sinne von erfolgreicher) und in die gleichen Haltungen zurückfallen, die ihnen einst bereits kein Glück brachten. Weil sie die wirklich virulenten kausalen Zusammenhänge hinter dem Vordergründigen nicht kennen. 

Wer ist glücklich ? 

Ich behaupte: Wer die Ziele erreicht, die er sich von ganzen Herzen gestellt hat. Die seinem Selbstwert entsprechen. Wie "Hans im Glück" am Ende des Tages mit leeren Händen, aber trunken vor Glück, zu den Seinen zurückfindet, nachdem er morgens mit einem Goldklumpen von seinem Meister aufgebrochen war, so wichtig ist es für uns, die wir außerhalb von Märchen leben, den Sinngehalt und emotionalen Wert unserer eigenen Ziele zu kennen. Warum schreibe ich? - Weil ich beim Schreiben ich selbst sein kann.

Selbstreflexion ist angesagt - dann klappt's auch mit dem glücklich Scheitern.

*mehr dazu: ZEIT MAGAZIN, 27.12.2013, "Schluss mit dem Scheitern!"Christoph Kucklick, Sabine Rückert