Sonntag, 23. März 2014

Sonntagsthema: Mehr Mut zu Ecken und Kanten!

Haben wir Profil nötig? oh ja!  


Autoreifen sollten eines haben, Winterstiefel,  Präzisionswerkzeug ... Weg mit der Schablone! Scharfe Konturen machen das Original aus. Unverwechselbar. So entsteht Charisma.  Zisch - steigt die Rakete nach oben! Mainstream ist das Gegenteil. Im Fluss des Allgemeinen, Allgefälligen tümpeln, wenn der Novembernebel die Konturen auf der Alb verwischt, Schimären gleich. Plop - im Sumpf untergetaucht!

Wie immer liegt auch im Mittelfeld viel Schönes, Wahres. Aber Mittelfeld ist Kompromiss. Ziel ist das Ideal, auch wenn man es nie ganz erreichen wird. Das ist ihm auch immanent. Würde das Ideal Realität, wäre es ruck zuck degradiert auf Mittelmaß. Ernüchternd.

Profis mit Profil haben aber ihren Preis

Ein berufliches Profil schärft sich nicht mit dem Bachelor oder Doktorgrad, sondern mit gelebtem Leben. Lebensalter, Erfahrung, Intuition - all das fließt in das berufliche Handwerk ein. Charakteristika wie Felsspalten und Wesenzüge wie Marmorbrüche machen das Individuum aus. Ein menschliches Gehirn ist erst mit 25 voll ausgereift. Ist man dann nicht gut beraten, Lebensentscheidungen wie Sohn zeugen, Haus bauen, Baum pflanzen auf später zu verlegen? - 

Erfolgshunger ist ein Merkmal der (noch) unreifen Anfangsjahre, später tritt der Hunger nach Qualität an dessen Stelle, der Drang etwas Gutes zu schaffen, etwas Bleibendes, einen Nachhall, der überdauert. Alter, wohlgereifter Gruyère auf der Höhe seines Geschmacks (quasi mit "Produkterfahrung") ist teurer als Mai-Gouda. Zu Recht. Was für den Käse gilt, ist bei Profi-Dienstleistern nicht anders. 

Der kürzlich verstorbene Filmregisseur Alain Resnais ("Letztes Jahr in Marienbad", "Hiroshima, mon amour"), Wegbereiter der Nouvelle Vague, arbeitete ohne Unterlass bis kurz vor seinem Tod. Seine Filme hatten nichts von der Frische eingebüßt, die sie bereits in seiner Jugend auszeichnete. Sein letzter "Aimer, boire et chanter" lief noch im Berlinale-Wettbewerb 2014. Gestorben ist er mit 91.

Die Anekdote um Picasso, der einem Banker in seiner genialischen Art rasch eine kleine Skizze fertigt und ihm dafür 1 Mio. alte Francs abverlangt, trifft es auf den Punkt. Wenn der Banker aufschreit: "Aber Meister, 1 Mio für 3 Minuten Arbeit?" beantwortet dies Picasso in der Milde seiner Altersweisheit: "Ich habe aber auch über 30 Jahre gebraucht, um dies verlangen zu dürfen."

Wie kommt man/frau zu einem Profil? 

Im Film veranlassen uns fiktive Figuren zu heißen Tränen der Rührung, des Zorns oder der Trauer, wenn sie mit all ihren Macken und Neurosen sichtbar werden. Sie leben über ihre Geschichte, die ihr Gesicht geprägt hat. Nicht selten sind diese Figuren plastischer als im wirklichen Leben. Der Mafiaboss gewinnt unser Herz, wenn wir sein Kindheitstrauma erkennen; mit der Mörderin fühlen wir, als wir einen Blick in die Hölle ihrer Ehe werfen. Der Kidnapper scheitert an der Unmöglichkeit, den von ihm verschuldeten Tod des eigenen Kindes zu verkraften und wir verzeihen ihm ..

Im wirklichen Leben ist es ähnlich. Pokerfaces, die keine Schwäche erkennen lassen, lassen uns kalt. Schroff-kantige Typen, an denen wir uns reiben, bis die Funken sprühen, ziehen uns an, auch wenn sie nervig sein können. Masochismus? Oh nein, eher der menschliche Drang nach Spiegelung - denn nicht selten erkennen wir in diesen - uns selbst.

Oder wie wir uns wünschen zu sein.