Sonntag, 29. Juni 2014

Sonntagsthema: Tun Sie's wieder oder tun Sie's eher nicht?

Nein, nix Anzügliches! Zumindest nicht vordergründig. Jedoch -  Wie halten Sie's mit dem gedruckten Wort?

Kennen Sie noch das Gefühl von Griffigkeit, das nur Zeitungspapier erzeugen kann? Den unnachahmlichen Duftreigen aus Druckerschwärze, Staub und Feuchtigkeit, der aus den Bögen aufsteigt? Die geistige Führung zwischen Leitartikel, Titelstory, Reportage, Kolumne, Meinung, Kommentar? Das Knistern und Rascheln, wenn Blätter sich beim Wenden verknoten? Wenn die Arme zu kurz werden, um die kecken großformatigen Bögen zu bändigen?

Sehen Sie es mir bitte nach: Mir ist heute nach einer geradezu schamlosen Geschwätzigkeit zumute. Zweifellos ein Zeichen "vorrückenden Alters". Man vergisst im nächsten Gedanken den letzten und greift diesen vorsichtshalber noch mal auf .. ja ja.

Auf der Suche nach einer versunkenen Zeit

Kürzlich ertappte ich mich dabei, dass ich es genoss, mir ein großformatiges Medienprodukt, ja - aus Papier! - vor die Nase zu halten. Meine Sinne benebelten sich und ich erlebte meine Madeleine. Wie Marcel Proust dippte ich den symbolischen Keks in die Teetasse und evozierte Erinnerungen an eine Zeit vor der Jetzt-Zeit.

Bei mir war es nicht das Proustsche Kleinkind, sondern die 15/16-jährige, die in langweiligen Schulphasen DIE ZEIT, SPIEGEL, FAZ oder Archivausgaben des "Simplicissimus" ungeniert und ungehindert aus dem Ranzen zog. Die meisten Lehrer gewöhnten sich daran, nur wenige Mitschüler mokierten sich. Da ich bereits in der liberalen Regionalzeitung meinem Revoluzzerdrang freien Lauf lassen durfte, nur dann und eingeschränkt vom Zusatz "Die Meinung der Verfasserin deckt sich nicht unbedingt mit der der Redaktion", waren Medienerzeugnisse mein Fenster zur Welt.

Montage und Freitage waren heilig, das monatliche Erscheinen von STERN, Neue Rundschau, BRIGITTE, Reader's Digest (!) und Merian kleine Leuchtfeuer gegen das Abgleiten in provinzielle Dumpfheit. Meine gehorteten Schätze ließen mein Zimmer schrumpfen, der eine oder andere Artikel lauerte zwischen angestaubten Zeitungsseiten schließlich immer noch darauf, von mir entdeckt zu werden. In meiner Lesehöhle fühlte ich mich unverwundbar.

Zurück von einem 6-wöchigen England-Schüleraustausch traf mich dann der Blitz: Meine ordnungsfreudige Familie hatte eine Schneise geschlagen und während meiner Abwesenheit alles, aber auch wirklich alles der Altpapiersammlung anvertraut. Einen größeren Vertrauensbruch (Warum hatte ich die Tür nicht verrammelt und versiegelt? Ich hätte es ahnen müssen!) konnte ich mir damals kaum denken. Vielleicht war das der Moment, an dem ich mein Elternhaus verließ, obwohl ich körperlich noch anwesend war?

Zurück in Kaspar Hausers Erdhöhle

Dieses Vergehen ist für mich vergleichbar der Schandtat, die man einem heutigen 16-Jährigen antun könnte, indem man alles was ihm lieb und wert ist, Playstation, Computer, Tablet, IPod, Smartphone, MP3, Blackberry, Apps und sonstige digitale Notwendigkeiten, heimtückisch und hinterrücks zum Elektroschrott bringt. Seine Verbindung zur Außenwelt kappt und ihn wie Kaspar Hauser in der Finsternis einer digitalen Einöde seinem zweifellos traurigen Schicksal überlässt. Oder die irre Vorstellung, fanatisierte Jugendliche rotteten sich zusammen und zögen mit ihren gesammelten technischen Gerätschaften zu einem Happening mit Fanalcharakter auf den Schrottplatz. Unter großer Anteilnahme von Bevölkerung und Medien, versteht sich :-)) Eine hübsche Szene!

Die Nachrichtensendung - die heilige Kuh aller TV-Kanäle

Kürzlich durfte die Welt nach bereits im Einsatz befindlichen Textautomaten die ersten Roboter in Augenschein nehmen, die in einer nicht so fernen Zukunft Fernsehmoderatoren aus Fleisch und Blut beim Nachrichtenlesen ersetzen könnten. Der Benefit wurde mir nicht ersichtlich - außer einer gewissen Kostenersparnis - , die Nachteile dafür rasch: Neben einer erstarrten Mimik und standardisierten Körpersprache ließen die gedrechselten Tonansagen das Blut gefrieren. No Sir! Da würde mir eindeutig was fehlen - auch wenn ich nicht mit jedem der aktuell tätigen TV-Moderatoren sympathisiere -  Empathie nämlich, menschliche Regungen, Gefühlsbewegungen, die sich in Miene und Gestik des Moderierenden ausdrücken!

Hinter jeder Nachricht, jedem Zweizeiler, Zitat stecken Ereignisse, Begebenheiten, Schicksalsschläge, Hoffnungen, die Menschen getroffen oder verloren hatten oder die gesamte Menschheit betreffen würden. "Betroffenheit" habe ich stets als sinnentleertes Unwort für Funktions- und Würdenträger empfunden, gerade recht, wenn echte Anteilnahme fehlt. Aber in der Sterilität einer automatisierten Kommunikation wäre dies ja bereits ein Lichtstrahl. Wollen wir es soweit kommen lassen ..

Abgeschweift - wie angedroht - ach, hatten die es gut, die Debattierklubs und Konversationssalons  vergangener Jahrhunderte - als man Rhetorik und Witz kultivierte und die Kunst der inhaltsschweren Leere noch als Tugend und nicht als redundant galt. Tolle Zeiten!!