Sonntag, 5. November 2017

Sonntagsstory: Das erste Jahr


Das erste Jahr


Novelle


Das erste Jahr seines Exils war hart. Eine endlose Kette von Demütigungen. Aber hatte er eine Alternative? Schon bevor Diego zum Zoologen-Kongress nach Pansylvanien geschickt wurde, hatte es in seiner transsylvanischen Heimat irritierende Anzeichen gegeben. Hellhörige Menschen hörten die Zeitungen warnend rascheln. Es war Sommer und in den Zoos drängte es sich. Besonders die Nashörner hatten sich in den letzten Jahren auffallend vermehrt und seit mehr als 20 Jahren gab es erstmals einen Geburtenüberschuss. Die Regierung Transsylvaniens musste ein Gesetz verabschieden, in dem der Bau neuer Tierhäuser zu Ungunsten des Strassen- und Verkehrsausbaus beschlossen wurde, was für Murren sorgte. 



Als Diego seine Dienstreise antrat, war die Spannung unerträglich geworden. Täglich überboten sich die transsylvanischen Radiosender in ihren Meldungen über Unruhen in den Zoos der Hauptstadt Saudad, ja sogar Massendemos der Nashörner, die sich in ihren Behausungen zusammengerottet hatten. Sie hätten zwar keinen besonders bedrohlichen Eindruck gemacht, hinterliessen aber doch eine starke Wirkung aufs Volk.

Kaum war Diego in Pansylvanien angekommen, liess eine Nachricht den Kongress noch vor der Eröffnung platzen: Die transsylvanischen Nashörner hatten die Gunst der Nacht genutzt, um den Zoo zu verlassen und in geordneten Reihen zum Regierungspalast zu marschieren. In ihren Tierhäusern hinterliessen sie niedergetrampeltes Gras, zerfetzte Heuballen, Dung und Kot, eingedrückte Metallgitter. Noch bevor die Miliz eingreifen konnte, war die Regierung gestürzt, der Palast und der Radiosender in Hand der hornnasigen, gepanzerten und schwerhufigen Dickhäuter unter der Führung eines brandigen Nashornbullen, eines alten Kämpfers und Haudegens, der schon am Abend übers Radio an das Volk sprach. Die alte Regierung war längst ausser Landes. Mistgeruch, Schnauben und das Lawinengepolter der Hufe lagen schwer über der Hauptstadt Saudad, die durch den endlosen Zug weiterer Nashörner aus den verstreuten Zoos des Landes und das durch ihn verursachte Verkehrschaos in seiner Aktivität vollends gelähmt war.

Eines der ersten Dekrete, die der Anführerbulle erliess, war neben der allgemeinen Ausgangssperre die Zwangsisolationshaft aller Männer über 25 Jahren und 1,80 Körpergrösse in die nun frei gewordenen Nashornzwinger. Männer, die sich diesem Schicksal durch Flucht entziehen wollten und gefasst wurden, erschoss man sofort standesrechtlich. Die Waffenbestände der Nashornjunta waren erheblich, man rechnete mit dem Schlimmsten. 

Diego gehörte zur verfolgten Zielgruppe, eine Rückkehr nach Transsylvanien verbot sich. In den darauffolgenden Monaten musste er beobachten, wie die Anrainerstaaten mit der Nashornjunta Allianzen schlossen und das Regime anerkannten. Diego hatte sich mittlerweile eine neue Identität zugelegt, er war bei der staatlichen pansylvanischen Müllsammlung untergekommen, hatte die Tochter eines Kollegen geheiratet, was ihm die halbe Staatsbürgerschaft eintrug und vor Auslieferung, nicht aber vor Feinseligkeiten schützte. Ein Leben in ständiger Vorsicht und Kontrolle, er spürte die prüfenden Blicke der Anderen auf ihm lasten. Seine Frau begann nach anfänglicher Verliebtheit eine Affäre mit einem Schweinehändler, was er ihr aus Angst vor Scheidung nicht wehren konnte..

Die Arbeit in den Müllwerken war schwer und unappetitlich, über lange Fliessbänder gebeugt, sah Diego die Abfälle der Stadt an sich vorbeiziehen, 12 Stunden täglich war die Norm. Weil die Beleuchtung in den Hallen trübe war, mussten sich die Arbeiter weit über die unablässig rollenden Bänder senken, ja fast auf diese hinaufkriechen, um die Ausscheidungen des pansylvanische Alltags zu sortieren. Die belasteten Rückgrate und Gelenke schienen am Abend schier zu bersten. Dann versuchte sich Diego in seiner Hütte aufzurichten, das niedrige Dach, unter dem er anfangs kaum aufrecht stehen konnte, hatte sich immer weiter von ihm entfernt. Er vergass sich zu fragen, was das bedeuten könnte, denn wenn er am Abend das bescheidene Mahl verzehrte, das ihm seine Frau gerichtete hatte, bevor sie zu ihrem Liebhaber verschwand, war er frei von jeglichem Bedürfnis als in einen schweren Schlaf zu fallen. Er vergass es einfach, wie er das Rasieren vergass oder zum Himmel aufzublicken. Seine Augen waren auf die Erde gerichtet, sein Rücken nahm eine ständige 90-Grad-Krümmung ein, die Hände baumelten kurz über dem Boden. Seine Ebene war die Erde, die Menschen, mit denen er umgeben war, sah er nur mehr bis zur Taille, niemals in ihre Gesichter. Aber auch das wurde ihm zur ständigen Gewohnheit. Ja, er begann zu zweifeln, ob oberhalb dessen überhaupt noch etwas weiteres vorhanden war.

Die Nachrichten aus seinem Heimatland tröpfelten nur noch, um endlich zu versiegen. Das letzte, was er hörte, war die Stimme eines (vermutlich kleinwüchsigen) Reporters im staatlichen transsylvanischen Fernsehen, der am ersten Jahrestag der Machtübernahme im Ton eines respektvollen Hofberichterstatters von den erstaunlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritten im Lande berichtete, was in Diego starke Gefühle von Widerwillen und Hass hervorrief, womit er es aber auch bewenden liess.

Innerhalb eines Jahres war Diego auf die Grösse von 1,20 Meter geschrumpft. Keiner teilte ihm mit, dass er mit diesem Körpermass nun ohne Probleme in sein Heimatland zurückkehren könnte, denn er gehörte jetzt nicht mehr zu den Verfolgten des transsylvanischen Staates. Er selbst war von einer solchen Wahrnehmung weit entfernt, hätte dieses Ansinnen auch entrüstet und mit Abscheu von sich gewiesen. 



Es war auch am Morgen des ersten Jahrestags seines Exils, dass er entdeckte, dass sich die Haut seines Körpers seltsam verdickt hatte, eine Ausbuchtung auf seiner Stirn wuchs und schlappe Hautlappen sich in mehreren Schichten und Runzeln auf seinen Gliedern ablagerten. Muskelgewebe und Fleisch hatten sich vervielfältigt und verliehen ihm einen schwankenden und unförmigen Gang. Mit Mühe erledigte er seine Arbeit, von seiner Frau nun endgültig verlassen, da der Geschlechtsakt aus technischen Gründen, aber auch aus starker gegenseitiger Abneigung, zu einem hoffnungslosen Unterfangen geworden war.


Der tägliche Lebenskampf nahm ihm die Kraft, die Dinge ändern zu wollen. So blickte er auf sein früheres Leben zurück wie auf einen fernen Traum, den er zwar erlebt hatte, der aber auf ihn ähnlich irreal wirkte wie die Zukunft, die er nicht erwartete. Er verspürte weder Neigung zu bleiben noch zu gehen, indifferent erlebte er sein Dasein wie ein Nashorn in einem schmalen Geviert aus Strohballen und Dung, die Beine tief im brackigen Wasser, regungslos, unbeteiligt, nur ab und zu mit dem Schwanz eine lästige Stechmücke vertreibend.

Als er eines Morgens durch die Stadt trabte, um sich zu seiner Arbeitsstelle zu bewegen, wurde er vom staatlichen Tierfänger eingefangen, was ein Leichtes war, und in den staatlichen Zoo verschleppt, in dem ein Jahr zuvor der Kongress hätte tagen sollen. 

Dort richtete er sich beinahe gemütlich ein. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, entwickelte er zwar umsichtige Ausbruchspläne, die er am Morgen stets zugunsten eines üppigen Frühstücks verwarf. Nur wenn der Vollmond seine Zelle aufblendete und von Ferne das Geschnatter der Flamingos zu hören war, legte er den Kopf weit in den Nacken und versuchte in den Himmel zu schauen, der sich über ihm auftat wie ein tiefschwarzes bestrahltes Meer, in dem er schwamm. Nur einen Zipfel erhaschte er des weiten Gewölbes. Aber das Herz tat ihm weh, vielleicht weil er einsam war, vielleicht weil ihn schwere alte Erinnerungen heimsuchten, die er niemandem anvertrauen konnte. So wurde er zum Sonderling unter den Insassen des Zoos, mit dem man sich nicht behelligen wollte.

Bevor man ihn ganz vergass, beschloss die Zooleitung, ihn an die Militärjunta im Nachbarland zu verschenken als Geste der Solidarität, was in diesem Fall mehr einem Unterwerfungsakt gleichkam. Diego überquerte die Grenzen zu seinem Heimatland, ohne es zu ahnen. Aber als der Transport nach 30 Stunden ohne Wasser und Futter im Zoo der Hauptstadt Saudad ankam, fanden die Wärter nur noch einen übel riechenden Kadaver vor.

Natürlich hätte man sagen können, dass die drückende Hitze und die qualvolle Enge das Ihre getan hatten. Aber es war wohl eher so, dass Diego den Machthabern zuhause bis zuletzt die Reverenz verweigern wollte, ein Dickhäuter mit Charakter, ein Charakter mit einer sehr dünnen Haut.


Sigrid Jo Gruner

erschienen in der Anthologie: Deutschland in 30 Jahren, 2001

Keywords: Nashorn, Militär-Junta

Bildnachweis:
Stocksnap.io Asche Sitoula (Nashorn)
Stocksnap.io ISO Republic (Fort)




MissWord! DasAlter Ego-

Sigrid Jo Gruner  unterstützt als "MissWord! Manufaktur für das wirksame Wort" Unternehmen und Selbstständige bei ihrer Positionierung und Unternehmenskommunikation. Schwerpunkte: Strategische Beratung, Personal Branding, Konzeption & Redaktion, PR- & Magazintext, Web-Content, E-Book, Sachbuch & Corporate Book. Und 24-jährige Erfahrung.



Schwerpunktthemen: Alles was gut schmeckt, schön aussieht, sinnvoll ist & glücklich macht. Gesellschaftspolitische und Zeitthemen, komplexes B2B, Food, Travel, Living, LifeBalance, Branding, Persönlichkeitsentwicklung, Businessthemen.