Sonntag, 4. März 2018

Mikrostory: Die Befreiung



Mikrostory. Die Befreiung




Ein Mann schreckt auf seinem Bett hoch und erkennt, dass er über Nacht in einen Käfer verwandelt worden ist. Von wem? Warum? Darüber denkt er nicht lange nach, sondern stellt sich auf die geänderten Verhältnisse ein. Natürlich fällt ihm sofort die Verwandtschaft zu Kafkas Gregor Samsa auf. Er hält es aber für unwahrscheinlich, dass dabei ein Zusammenhang besteht. Kafka hat er das letzte Mal vor 27 Jahren als Pennäler gelesen. Er glaubt nicht, dass dies einen besonders starken Eindruck auf ihn hinterlassen hat. 

Dennoch ist er ein wenig besorgt. Wie geht’s jetzt weiter? Er lernt erst einmal mit seinen vervielfältigten Beinen klar zukommen, Kriechen kapiert er schnell, die Schwerkraft hält seinen nun sehr leichten Körper platt über den weißen Betthügeln, auf denen er hin und her trippelt. Er bleibt umsichtig und denkt daran, sich Vorräte anzulegen. Immerhin weiß er nicht, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Vielleicht wird er sich nie mehr ändern?

Diese Vorstellung macht ihm doch ein wenig zu schaffen. Schließlich hat er noch viele Dinge vor, die er zwar als Mensch bewerkstelligen könnte, als Käfer sich aber abschminken muss, z.B. wollte er noch einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen. Letzteres wäre ja wohl noch möglich, aber die Fortpflanzungsstrukturen der Käfer sind ihm ein wenig unklar. Außerdem fehlt ihm dazu schlechterdings ein weibliches Pendant. Braucht er unter den gegebenen Umständen jetzt noch ein Haus? Nicht wirklich. Bliebe der Baum. Wenn er sich in der Größe bescheiden würde, könnte er es schaffen, einen zierlichen Bonsaisetzling oder ein stämmiges Grashälmchen in die Erde zu setzen – das ginge ja so là là. Aber wird ihn das befriedigen? Er hatte immer hohe Ansprüche an sich und seine Leistung. Ein derartiger Niveauverlust wäre eine schwer zu schluckende Blamage.

Über diesen Überlegungen vergeht der Vormittag. Als sich die Mittagsstunde mit Magenkneifen meldet, muss er den Absprung in die neue Welt wagen. Er klammert sich an die Bettkante und zuckt ungelenk mit seinen Flügelchen. Die Welt unter ihm ist ein bodenloser Abgrund. Über ihm wölbt sich das All. Felswände dehnen sich schwindelnd steil nach oben und verlieren sich in einem weiten Himmel; Bergmassive ragen mit schründigen Oberflächen in den Raum hinein. Unerreichbar. In den Schluchten lauern Gefahren. Zähnefletschende Ungeheuer, die er, als er noch Mensch war, Katze oder Hund genannt hat und deren gierige Mäuler nach ihm schnappen oder die Heimtücke weicher Teppiche, in deren Fülle er ertrinken würde. Auch fürchtet er sich vor den Patschhänden kleiner rosiger Monster mit blonden Locken, die ihm die Beine auszureißen nicht zögerten.

Das Herz in seinem Chitinpanzer wird ihm eng, der Atem knapp, auf sechs schlotternden und sich verknotenden Beinchen schwankt er hin und her. „Schutzengel, wo bist Du?“ Um ihn herum dreht sich das Zimmer. Schließlich beugt er sich nach vorn, murmelt beschwörend „Alle guten Geister, steht mir bei!“ und kippt nach unten. Sein Fall ist der eines ausladenden Mannes auf einem Sprungbrett, der wie ein Sack ins Wasser plumpst. Er ist ja noch in der Käferlernphase.

Er knallt auf Holz und bleibt eine Weile betäubt liegen, um seine geknickten Fühler zu entwirren. „Uff, das war hart“, stöhnt er. Viel Zeit sich zu sammeln hat er nicht. Vor seinem Kopf bewegt sich eine grellrote Masse bedenklich nahe auf ihn zu. „Zu Hilf“, schreit er gellend, „Vorsicht.“ Gleich wird sich der filzige Klumpen über seinem Kopf erheben, um auf ihn niederzufahren und den zuckenden Käferleib zu zerdrücken. Keuchend wirft er sich seitwärts auf den Rücken und zappelt hilflos. Hätte er jetzt nur eine weiße Fahne oder ein Megaphon, um in der Weite des Universums auf sich aufmerksam zu machen! 

Etwas in ihm sagt ihm aber, dass er sich gar nicht mehr anstrengen muss, zerquetscht unter einem roten Ungeheuer würde er seinen letzten Seufzer tun, das war sein Schicksal. In Sekundenschnelle rast sein Leben an ihm vorbei. Alles was er geliebt, getan, versäumt und bereut, seine ganze kleine Existenz. Da fällt ihm auf, dass es gar nicht so schlecht gelaufen ist, sein Leben. Er hat geliebt, genossen, gearbeitet, nun ist es wohl vorbei. Er seufzt und ergibt sich in das Unvermeidliche.

Als Otto K. durch verklebte Lider in das grelle Licht des Morgens blinzelt, findet er sich auf dem Boden wieder, mit der einen Hand an einen Bettpfosten geklammert, mit der anderen in den roten Pantoffel seiner Frau verkrallt. Aus der Küche dringt Emmas energische Stimme: „Steh endlich auf, du Faulpelz, Frühstück!!“ 

Zum ersten Mal, seitdem sie sich kannten, entgegen all seiner Gewohnheit, ist Otto ungehorsam. Er rappelt sich hoch, reckt seine klammen Glieder, bis die Gelenke knacken wie ein Panzer, der jäh aufbricht und richtet den verknautschten Schlafanzug. Dann kickt er den roten Damenpantoffel in die Ecke und steigt seelenruhig zurück in seine Kissenhöhle. Selbst als die Tür aufgerissen wird, regt er sich nicht. Er ist schon wieder eingeschlummert, die Decke bis zum Kinn gezogen, auf seinen weichen Zügen liegt ein breites Lächeln, sein Atem geht tief und regelmäßig.

Otto K. ist auf dem Weg zu sich selbst und nichts, aber schon gar nicht seine Emma würde ihn davon abbringen können.


Rechte vorbehalten: Sigrid Jo Gruner







MissWord! Sigrid Jo Gruners Alter Ego

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Sigrid Jo Gruner unterstützt  als "MissWord! Manufaktur für das wirksame Wort" Unternehmen, Freiberufler, Berater & Coaches bei Marktpositionierung, Branding und Unternehmenskommunikation. 

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Strategie- & PR-Beratung, Redaktion & Texttuning, Premiumtext (Web, Magazin, PR), Publikation (E-Book, Whitepaper, Folder), Buchcoaching und Ghostwriting (Sachbuch & Corporate Book für Beratungsprofis und Unternehmen). Eigene Autorenprojekte (narrativ/szenisch)

Charakteristika: Chuzpe, Empathie und 25-jährige Selbstständigkeit.

Schwerpunktthemen: Alles was die Sinne anspricht und Sinn macht. Gesellschaftspolitische Themen, modernes Leben, komplexes B2B, Food, Living, LifeBalance, Persönlichkeitsentwicklung, Business/Führung.


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Käfer:  Pixabay, amadysasi